Digitale Bildung oder „Warum Humboldt keine Apps programmierte“

Bildung ist laut Wikipedia „die Formung des Menschen im Hinblick auf sein „Menschsein“, seiner geistigen Fähigkeiten.“ Was aber mag wohl damit gemeint sein, wenn jetzt allenthalben eine „Digitale Bildung“ eingefordert wird?

Auf diese Frage bekommt man in der Regel sehr unterschiedliche Antworten:

Programmieren sollen unsere Kinder lernen. Die Privatsphäre im Internet schützen können. Eine Powerpoint-Präsentation erstellen. Wissen, was Algorithmen sind. Eine vertrauenswürdige Quelle von „Fake-News“ unterscheiden lernen. Aus Daten Schlüsse ziehen. Verstehen, wie ein Computer funktioniert.

Politiker und Experten möchten nun das Fach „Informatik“ an Schulen verpflichtend einführen. Soweit, so „gut“. Vielleicht kann man den Instagram- und YouTube-abhängigen Teenies bei der Gelegenheit auch gleich einen einigermaßen geregelten Umgang mit dem Smartphone beibringen. Trotzdem: Obwohl ich genau dieses Fach sogar über die Regelstudienzeit hinaus studiert habe, bekomme ich bei diesem Gedanken Bauchschmerzen. Denn eines ist klar: Für dieses neue Fach wird es weder neue Lehrkräfte noch mehr Unterrichtszeit geben. Stattdessen werden andere Fächer (weiter) gekürzt. Und das werden sicher nicht die sogenannten „Hauptfächer“ sein.

Am Ende solcher Debatten haben in den letzten Jahrzehnten immer noch Kunst, Musik und Sport dran glauben müssen. Das wäre aus meiner Sicht mehr als nur bedauerlich, denn: Im Sinne einer humboldtschen Bildung, einer Formung des Menschen auf sein Menschsein, könnten wir keinen größeren Fehler begehen!

Deutschland ist auch ohne ein verpflichtendes Hauptfach „Maschinenbau“ weltweit führend in der Automobilproduktion. Und selbst im Land der Autofahrer kann kaum jemand ein liegengebliebenes Fahrzeug reparieren oder gar die Funktionsweise eines Verbrennungsmotors erklären.

Auch bei der Digitalisierung werden sehr viel mehr Menschen lediglich Anwender dieser Technologien sein, als deren Erfinder und Erbauer.

Gleichzeitig wird die Digitalisierung massive Umwälzungen mit sich bringen, für jeden von uns. Wir müssen jetzt daran denken, wie diese Welt in 5, 10 oder 20 Jahren aussehen wird. Welche Jobs werden wir bis dann haben? Welche Fähigkeiten und Kenntnisse werden dafür benötigt? Welche Rolle wird die klassische Erwerbstätigkeit zukünftig überhaupt noch spielen?

„Das Internet erzwingt, dass wir höhere Persönlichkeiten sein müssen“, sagt der frühere CTO von IBM und Mathematik-Professor Gunter Dueck. „Und was machen die Leute? Sie geben jedem ein Tablet!“

Nicht Mathe, Physik und Informatik werden die treibenden Kräfte unserer Wirtschaft und Gesellschaft sein. Kreativität, Empathie, Zusammenarbeit. Kunst, Musik und Sport sind die Fächer der Zukunft!

„Productivity is for robots. What humans are going to be really good at is asking questions, being creative.“ (Kevin Kelly, Autor u.a. von „The Inevitable: Understanding the 12 Technological Forces That Will Shape Our Future“)

Das alles schmälert nicht die Notwendigkeit von Kompetenz im Umgang mit digitalen Technologien. Im Gegenteil: Als Querschnittsthema muss es sich durch jedes einzelne Schulfach ziehen. Es kann und darf nicht in ein Feigenblatt-Unterrichtsfach abgeschoben werden.

Wir entwickeln uns als Gesellschaft nicht weiter, indem wir den Kids beibringen, wie sie die nächste überflüssige App programmieren oder mit Schmink-Tipps bei YouTube „15 minutes of fame“ erzielen.

Ich bin davon überzeugt, dass uns die Digitalisierung bei der Entwicklung unseres wahren Menschseins einen großen Schritt nach vorne bringt. Aber nicht, wenn wir sie zum Schulfach degradieren, sondern: indem wir freiwerdende geistige und zeitliche Kapazitäten zur kreativen Schaffung der Welt nutzen, in der wir morgen leben wollen.

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